Zum 31. – Hopfen & Malz – Gedanken zum Bier

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Wenn man es in frühen Jahren einmal probieren durfte – heute wäre so etwas ja politisch eher unkorrekt – hatte man gleich mal eine geschmackliche Entsprechung, des vielleicht gleich in diesem Augenblick gelernten Wortes „Ekel“, erfahren. Etwas später dann, schmeckte das Gebräu auf einmal recht gut und es konnte eigentlich nie zu viel werden, außer natürlich für eine gewisse Zeit am Tag danach. Wieder etwas später zogen diverse andere Getränke aus dem alkoholischen Spektrum die Aufmerksamkeit auf sich und bei dem einen oder anderen verschoben sich die Vorlieben zu Wein, zu Cocktails oder gar ganz in die Abstinenz. Grundsätzlich tritt in dieser Phase aber eine gewisse Festigung des eigenen Geschmacks ein, und der Biertrinker hat eine Lieblingsbiersorte, wenn nicht gleich eine Lieblingsbrauerei.

So war es auch bei mir, aber dann begab ich mich vor längerer Zeit, als überzeugter Pilstrinker, mit einer, in meinen Breiten, eher ungewöhnlichen Abneigung gegen Weizen, auf meinen ersten Schottlandbesuch. Abgesehen von vielen Eindrücken und Erfahrungen markierten die horrenden Bierpreise zu DM-/Pfund-Zeiten und die beachtliche Biervielfalt die beiden Enden der Bewertungsskala. Die mir mit auf den Weg gegebenen abfälligen Bemerkungen über das abgestandene Dünnbier auf der Insel, was eigentlich kein Mensch trinken könne, konnte ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ganz im Gegenteil, ich war regelrecht begeistert von der Welt der Stouts und Ales. Biere mit einer ungeahnten Breite an Geschmack, von blumig über grasig zu Heidekraut und Heu, von Algen und Karamell über salzig zu süß, von cremig über schwer zu leicht. Und das Beste, in jedem neuen Pub fanden sich neue Sorten zum Probieren!

Wieder daheim, kehrte ich mangels (mir bekannter) Auswahl, zurück zum Pils. Einige Reisen später war mir zwar klar, dass ich auch andere Biere mag aber bis auf die, zum Glück notorisch verbreiteten, Irish-Pubs mit wenigstens einigen Sorten, war die Beschaffung doch ein Problem. Durch die werte Bloginhaberin (und deren bairischen Einfluss) kam ich dann zum Weizen, ähh Weißbier. Ein früh-sommerlicher Biergarten, garniert mit einem Weißbier im wohlgeformten Glas – fast unbegreiflich, warum mir das früher nicht geschmeckt hat. Ein Austausch gegen ein Pils war seitdem nicht mehr vorstellbar.

Vor einigen Jahren hatte sich mein Verhältnis zum Bier dann vollständig auf eine irgendwie gleichgültig Ebene normalisiert. Auf Reisen wurde natürlich so viel wie möglich probiert, dafür aber daheim fast keines getrunken. Auch, weil hier immer dem Wein Vorzug gegeben wurde. Wenn man sich dann doch mal von der Couch aufgerafft hat, um „wegzugehen“, dann gab es halt das Bier, was der freundliche Mensch hinter dem Tresen in das Glas laufen ließ.

Aus heutiger Sicht ist das eigentlich fast unbegreiflich aber natürlich erklärbar. Was ist also passiert? Einerseits habe ich angefangen mir wandernderweise diverse vor der Haustür liegende Gebiete (Fränkische Schweiz!) zu erschließen – wer wandert hat Durst – und andererseits wird sei einiger Zeit auch in Städten stolz das Bier kleinerer Landbrauereien ausgeschenkt für welches man sich Jahre zuvor wahrscheinlich noch geschämt hätte.

Zweifellos drängt sich der Gedanke in den Vordergrund, dass man halt einfach älter geworden ist und sich der Einsatzzweck des Gerstensaftes quasi zwangsweise gewandelt hat. Anstatt kalt, billig und viel steht heutzutage eindeutig der Geschmack im Vordergrund, die anderen Eigenschaften sind so gut wie unwichtig. Wie oben schon geschrieben, kam ich vom Pils zum Weizen, normales Helles habe ich nur in seltenen Fällen im Glas vor mir gesehen. Neuerdings ertappe ich mich aber manchmal dabei, dass ein normales (aber natürlich gutes!) Helles zu einem Schweinebraten mit Kloß und Soß wirklich die perfekte Kombination ist. Und nein, ich habe die 40 noch nicht überschritten.

Ganz im Gegenteil, für mich war die Welt der Biere noch nie so aufregend wie im Moment. Wie ein Kind erforsche ich mein Umland und freue mich über jede neue Sorte, jeden neuen Geschmack und jede neu entdeckte Brauerei. Immer nur eine Biersorte, immer nur eine Brauerei, wie langweilig!
Mit Grauen denke ich an diverse Großveranstaltungen, auf denen es immer nur die eine Sorte einer großen Brauerei gibt. Wobei ein Wechsel der Brauerei zu einer anderen großen Brauerei auch nichts bringen würde. Haben doch alle großen Pils-/Lagerbiere den selben Einheitsgeschmack. Hellgelbes Wasser mit einem kurzen Bittergeschmack und einem noch kürzeren, eigentlich nicht vorhandenem Abgang. Anscheinend ist das aber der Geschmack der Massen, der kleinste gemeinsame Nenner, der internationale Geschmack an den sich die großen Brauereien richten.

Ein schlimmes aber prägendes Erlebnis ereignete sich vor einigen Jahren bei diversen Etappen und neun Tagen auf dem Eifelsteig. Bitte ein Bit? Nein, danke! Da stiefelt man tagelang durch die Gegend und es gibt wirklich immer nur Bit? Ist das euer Ernst? Biertechnisch überlebt man die Gegend doch eigentlich nur, weil manch mutiger Wirt die netten Belgier nach deren Bier gefragt hat. Liebe Bewohner der Eifel, natürlich gibt es auch andere Brauereien mit verschiedenen Biersorten wie z.B. Vulkan oder Gemünder aber in freier Wildbahn scheinen die Fläschchen doch sehr scheu zu sein!

Seitdem lege ich noch mehr Wert auf gutes Bier, und Wasser, als Alternative zu einem geschmacklosen Industriebier, ist für mich neuerdings durchaus einen Gedanken wert. Ich sehe es einfach nicht mehr ein für ein solch fades Gebräu Geld auszugeben geschweige denn es zu trinken. Erleichtert wird die Angelegenheit natürlich vom Biertrend der letzten Zeit. Anstatt notfalls zum Wasser, kann ich jetzt des Öfteren interessiert zum „Craft-Beer“ greifen. Wobei mir der Begriff „Craft-Beer“ aber einzig und allein als Abgrenzung der neuen Brauereien zu den alten Brauereien dient. Für mich als Franke ist eine große Biervielfalt, basierend auf kleinen (Handwerks-)­Brauereien, ja selbstverständlich, die neuen Biere gleichen da eher die Ausfälle durch das Brauereisterben wieder aus. In anderen Regionen entsteht dadurch anscheinend aber erstmals so etwas wie Biervielfalt. Wahrscheinlich kommt die Vielfalt aber auch nur zurück, nachdem die meisten kleinen regionalen Brauereien aufgeben mussten.

Spannend finde ich deswegen manche Abwehrreaktion auf den Craft-Beer-Trend. „Brauchen wir nicht“, „unser deutsches Bier, Kulturgut“, „Reinheitsgebot“ usw. Besonders lustig finde ich das, wenn diese Stimmen aus Gegenden kommen, wo es über tausende von Quadratkilometern in jeder Kneipe immer nur eine Biersorte genau einer Brauerei gibt. Habt keine Angst, probiert mal was Neues. Traut euch! ;-)

Grundsätzlich dürften hier aber weniger geographische Gründe eine Rolle spielen sondern eher schlicht und ergreifend verschiedene Interessen oder mangelndes Interesse. Die einen interessieren sich für Essen und Trinken, wo kommt was her, wie wird es gemacht usw. und die anderen interessieren sich eben nicht dafür. Das zieht sich wie ein roter Faden durch alle Bereiche des Lebens: Direktvermarkter oder Supermarkt, Schuster oder große Kette, Brille beim Optiker am Marktplatz oder bei einer Firmenkette, Pauschalurlaub oder selbst geplant. Ich nehme hier mal ausdrücklich die Notleidenden aus, die stellen sich natürlich ganz andere Fragen, als ob das Bier jetzt mehr kosten darf, weil die Brauerei kleiner ist.

Interessanterweise würde dieser Gedanke vermutlich erst gar auftauchen, würde es sich hier um Wein oder Whisky handeln. Vielleicht fällt mir deswegen auch in letzter Zeit die Argumentation auf, dass es ja nicht angehen könne, dass es jetzt schon Bier-Tastings gibt. Bier ist doch das Getränk der Arbeiterschicht, wenn nicht gleich der Unterschicht, ein Tasting und somit Gedanken über Geschmack und die Fähigkeit zu Vergleichen funktioniert doch da gar nicht. Wie kommt man auf solche Ideen? Es müsste sich doch rumgesprochen haben, dass Geld und Geschmack nicht zwingend zusammen unterwegs sind. Vielleicht spielen bei dieser Argumentation dann aber doch geographischen Besonderheiten und fehlender Weitblick eine Rolle. Die so Argumentierenden sollen sich doch bitte einfach mal mit dem Einfluss von Klima und Kultur auf die Getränke verschiedener sozialer Schichten in unterschiedlichen Gebieten beschäftigen.

Ich behaupte, es verhält sich wie mit jedem anderen Hobby auch. Wenn mich etwas interessiert, dann will ich mehr darüber wissen, dadurch kenne mich immer besser aus und kann irgendwann Unterschiede wahrnehmen, die ein Außenstehender auch nach mehrmaligem Hinweisen nicht entdeckt. Ich will es mal polemisch formulieren, wer den ganzen Tag im Radio nur die Charts hört und zufrieden ist, der wird am Abend auch eines der Fernsehbiere vor selbigem trinken. Proteste? Gerne! Das Kommentarformular im nächsten Tab steht zu eurer vollen Verfügung. Vielen Dank! Gerne habe ich natürlich auch Tipps rund ums Bier.

PS: „Zur Förderung der Bierkultur“ a.k.a. „den Trend lasse ich mir nicht entgehen“, möchte ich hier in losen Abständen Biere vorstellen, welche sicher nicht nur mir schmecken.

PPS: Wer sich jetzt fragt, wo denn beim Thema Bier das elfte, ähh, das Reinheitsgebot bleibt, wird doch heuer dessen 500. Geburtstag gefeiert, dem kann ich natürlich weiterhelfen: Der Geburtstag des bairischen Reinheitsgebots ist der 23. April 1516 und mein nächster Beitrag erscheint am 31. März. Als kleine Vorschau kann ich anmerken, dass sich meine Begeisterung für das Reinheitsgebot sehr in Grenzen hält.

PPPS: Prost!

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